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Einleitung

Introduction

Vertrauen auf die Kraft der Farbe

Auf den teilweise großformatigen Ölgemälden Markus Blattmanns begegnen dem Betrachter oftmals eine Anzahl mit kräftigem Strich angegebener, unregelmäßig geformter farbiger Flächen, die sich zumeist ohne vermalte Übergänge gegenüber stehen. Immer mit grobem Pinsel angegeben, meist unscharf verlaufend und selten mit einer klaren Kontur ausgestattet, sind diese abstrakten flächigen Formen aufeinander bezogen, scheinen zu koalieren und zu opponieren. Erkennbar bleibt immer ein resoluter, bisweilen erregter Pinselduktus. Auffallend ist das vielfache Übermalen, Überlagern, Verschwimmen, Verschmieren der fließenden Farbmaterie. Schicht um Schicht überlagern sich oftmals die einzelnen Farben, bilden Strukturen, geben den Blick auf darunterliegendes frei, gehen sich überlagernde Farben komplexe Wechselwirkungen ein. Oftmals fett und pastos aufgetragen, besitzt sie eine haptische Wirkung auf den Betrachter. Typisch für die Malerei Markus Blattmanns ist diese Freude am unbekümmerten Umgang mit der Farbe, auf deren elementare Wirkung er vertraut. Wie bei den Fauvisten, denen sich der Künstler verbunden fühlt, ist seine Farbe nicht einer Naturnachahmung und illusionistischen Mimesis verpflichtet. Die oft starken reinen Farben nehmen in den Bildern den Charakter einer eigenständigen Sprache an, die losgelöst von Zwängen der Formgestaltung einen Dialog mit sich selbst führt und dabei mit außerordentlich sicherem Empfinden eingesetzt wird. Zusammen mit der Technik der Frottage repräsentiert sie die unverwechselbare, persönliche Handschrift des Künstlers. Diese vom Gegenstand unabhängige Farbe, die ausschließlich der Imagination des Künstlers verpflichtet ist, dient dabei nicht zur sachlich-gegenständlichen Kennzeichnung oder Angabe einer Räumlichkeit, sie ist Ausdrucksfarbe von eigenem Wert. Was in die Leinwände einzieht, hat mehr mit intuitiver Imagination als mit reflexiver Darstellung der Welt zu tun. Kultiviert wird ein breiter Reichtum tonaler Werte, von Effekt bis Nuance, von packendem Zugriff bis zarter Gebärde. Es sind farbige Zeichen als subjektive Mitteilungswerte des Künstlers, sie sind der Schlüssel zum Verständnis, besser: zum Empfinden dieser Malerei, zum Einschwingen in das Spektrum der Farben, die Wahrnehmung der Frequenzen und ihrer Klänge, die sich ergänzen, interferieren und spannungsvolle Dissonanzen ergeben. Farben sind Strahlungskräfte, Energien, die auf uns in positive oder negative Art einwirken, ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht.....Nicht nur in optischer, sondern auch in psychischer und symbolischer Art sollten die Wirkungen der Farben erlebt und verstanden werden (Johannes Itten). In vielen seiner Bilder genügen sich diese Größen und Intensitäten farbiger Werte, die sich gegenseitig beeinflußen, miteinander kommunizieren und zusammen ein nervös aufgeladenes Kraftfeld farbiger Töne ergeben. Selbst da, wo feste Orientierungspunkte eine wie immer geartete Räumlichkeit anzudeuten scheinen, ist eine durchgängige Perspektive nicht einmal ansatzweise zu erkennen. Schritt für Schritt gibt ein musikalischer, aus Form- und Farbakkorden geprägter Gesamtrhythmus den illusionistischen Raum auf zugunsten einer autonomen Fläche. Die Pinselspur als beständiger Verweis ihrer Entstehung verstärkt die Unmittelbarkeit des expressiven Gestus, aus dem sie hervorgegangen ist. Trotzdem scheint durch die vielfache Überarbeitung jene spontane, gestische Expressivität kontrolliert und in ihrer Wirkung genau dosiert. Sie muß sich zügeln und ihre Kraft einbringen in das malerische Ganze, das oberstes Primat genießt. Denn nicht die emotionale Kraft des Augenblicks als Ausdruck innerer seelischer Vorgänge liegt diesen Bildern zugrunde. Trotz ihrer scheinbaren Expressivität und gestischen Pinselführung wirken die Bilder keineswegs – wie die der „Abstrakten Expressionisten" der fünfziger Jahre – als Ausdruck der plötzlichen Entladung innerer Spannung und Regung. Eher sind sie als Bestandteile eines konzeptuellen Malprozesses anzusprechen, der sich absichtsvoll und seriell fortschreitend entwickelt. Nicht das Kunstwerden der eigenen spontanen Geste steht hier im Vordergrund mit dem Festhalten einer Aktion, sondern die Beschreibung eines Zustandes, Ausdruck einer meditativen Versenkung in ein Selbst mit den Mitteln der Farbe. Eine Kunst, die den äußeren Schein der Welt zunächst völlig ausschließt und auf den inneren Kosmos eines Menschen, seine Träume und sein Unbewußtes beschränkt. Die Mitarbeit des Betrachters ist daher in großem Maße gefordert. Die Bilder Markus Blattmanns sind darauf angelegt, viele Schichten zu aktivieren, vordergründige und hintergründige. Sie stellen im strengen Sinne nichts dar, schaffen keine Abbilder, sondern erzeugen Assoziationen, wecken Erinnerungen, Emotionen, entfachen Vorstellungen. Was Paul Klee einst auf die abstrakte Kunst bezogen in allgemeinem Sinn formulierte, gilt gerade hier in besonderem Maße: Abstrakte Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.

Gerhard Bühler

 

english version

 

Trust in the Strength of Color

Markus Blattmann's oil paintings, some large in size, often confront the viewer with a number of irregularly shaped colored areas painted with a powerful stroke. Most of them stand opposite each other without any painted transition. These abstract forms are always applied with a coarse brush. Generally indistinct and rarely with clear contours, they relate to one another, appear to coalesce and yet oppose each other. The brushwork is notably firm, at times inspirited. It is striking that the flowing colors are repeatedly painted over each other, layered, blurred, and smeared. Layer for layer, the individual colors overlap, forming structures, revealing a glimpse of that which lies beneath; layered colors enter into complex interactions with each other. The paint is frequently applied thickly in a pastos technique, appealing to the viewer's sense of touch. Characteristic of Markus Blattmann's paintings is this joy in the carefree use of color, as he trusts in its elementary impact. The artist was influenced by the Fauves particularly in his use of color, which is neither an attempt to imitate nature nor illusionary mimesis. Rich and pure colors in his paintings assume the character of an autonomous language that engages in a dialogue with itself, free from any formal constraints, and is employed with extraordinary self-assurance. Together with the frottage technique, this forms the artist's distinctive, individual trademark. The color is not dependent on any object and obliged to nothing but the artist's imagination. It does not serve the objective characterization or identification of a space, but is expressive color in its own right. What draws into the canvas has more to do with intuitive imagination than with a reflexive representation of the world. A broad palette of tonal values is fostered, from effect to nuance, from gripping hold to tender gesture. These colorful signs are subjective communication by the artist. They are the keys to understanding, or rather to feeling, these paintings; to swinging into the spectrum of color, the perception of frequencies and their sounds, which complement and interfere with each other, and yield charged dissonance. Color is radiant power, energy that influences us in a positive or negative way, whether we are conscious of it or not. The effect of color should be experienced and understood not only visually, but psychologically and symbolically as well. (Johannes Itten). In many of Blattmann's paintings, these values and intensities of color mutually affect and communicate with each other, and together yield a tremulously charged power field of colored tones. Even where firm points of orientation seem to suggest a concrete space of some type, a consistent perspective is totally absent. Step by step, a complete musical rhythm marked by chords of form and color abandons the illusionist space in favor of an autonomous shape. The trace of the brush is a lasting reference to its origin, reinforcing the immediacy of the evocative gesture from whence it emerged. Nevertheless, the repeated reworking makes the spontaneous, active expressivity appear controlled and precisely dosed as regards its effect. It must harness itself and introduce its strength into the painted whole, which enjoys the highest priority. These paintings are not based on the emotional force of the moment as an expression of inner, mental processes. Despite their apparent expressiveness and gestural brushwork, the paintings are not a manifestation of the sudden venting of their inner tension and movement, like those of the abstract expressionists of the 1950s. They tend more to be components of a conceptual painting process, developed deliberately and continuously. The focal point is not a spontaneous gesture becoming art, but the description of a state, expression of a meditative process of turning inward by means of color. It is art that at first totally excludes the outward appearances of the world and is limited to the inner cosmos of a person and that person's dreams and subconscious. The viewer's participation is thus greatly needed. Markus Blattmann's paintings activate many layers, both on the surface and far below. They are not representational in a narrow sense, create no defined images. Instead, they generate associations, revive memories and emotions, unfold ideas. What Paul Klee once said in a general sense about abstract art is especially valid here: Abstract art does not represent that which is visible, it creates visibility.

Gerhard Bühler

 


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